14. April 2016

Der Wiener Kaffeehausstuhl - Thonet Nr. 14 ein Designklassiker

Unverzichtbar beim Besuch eines Wiener Kaffeehauses sind Kaffeespezialitäten wie Einspänner, Fiaker und der kleine Braune, aber auch das stilvolle Ambiente lädt meist zum längeren Verweilen ein. Wer seinen Kaffee ganz traditionell mit Tageszeitung im Zeitungshalter genießen will, nimmt heute manchmal noch auf einem schlichten Bugholzstuhl von anno dazu mal Platz. Vielleicht ganz unwissend, dass es sich hierbei um eine Designrevolution aus dem 19. Jahrhundert handelt. Doch was hat es mit den einfachen Stühlen aus Buchenholz und Rohrgeflecht auf sich?

Der Klassiker unter den Kaffeehausstühlen ist eine wahre Innovation und wurde 1859 vom Deutschen Michael Thonet erfunden. Dieser gründete 1819 in Boppard am Rhein eine Bau- und Möbeltischlerei. Fürst Metternich, Staatskanzler der österreichischen-ungarischen K.u.K. Monarchie, fand Gefallen an seinen Möbeln und holt ihn 1842 nach Wien.

Dort eröffnet er zusammen mit seinen Söhnen 1849 ein eigenes Unternehmen. In Österreich war Thonet maßgeblich an der Ausstattung des Palais Liechtenstein und des Palais Schwarzenberg und zahlreichen Kaffeehäusern beteiligt. 1856 gelang Michael Thonet die Perfektionierung seines Bugholzverfahrens und er ließ es sich patentieren.

Das Verfahren wird so beschrieben: Die Ausgangsbasis jedes Stuhlteiles ist ein in Wuchsrichtung geschnittenes astfreies Vierkantholz. Auf der Drehbank wird es entweder in gleichmäßiger Stärke oder mit leichten Verdickungen zu Rundholz abgedreht. Danach legt man es in den Dampfofen und setzt es, je nach Dicke, ein bis zwei Stunden dem heißen Wasserdampf aus. An der künftigen Außenfläche des Werkstückes wird ein Blechstreifen befestigt, der das Aufsplittern verhindert. Anschließend wird das Holz in einer gusseisernen Form gebogen. 

Innovative Fertigungs- und Vertriebsmethoden sowie ein umfangreiches Sortiment von Stühlen, Tischen, Sesseln, Liegen, Garderoben usw. führten zum rasanten Aufschwung des Unternehmens und zu weltweiter Anerkennung. Ab 1889 wurde in sieben Fabriken im heutigen Tschechien, Ungarn, Russland und in Frankenberg (Deutschland) produziert. Es gab eigene Handelshäuser in allen wichtigen Metropolen der Welt.

Der Verkaufsschlager blieb jedoch der Wiener Kaffeehaus Stuhl, der damals schlicht „Stuhl Nr. 14“ hieß und heute "Modell 214" genannt wird. Bis 1930 wurde der Stuhl 50 Millionen mal verkauft. Grund für den Erfolg war, dass der Stuhl zerlegt verschickt werden konnte und somit in einer Transportkiste mit einem Kubikmeter Rauminhalt 36 zerlegte Stühle passten. Montiert wurden sie vor Ort – in Europa, Nord- und Südamerika, Asien und Afrika.

Heute ist das Unternehmen wieder in Deutschland/Frankenberg ansässig und stellt in 5. Generation teils nach alter Tradition Stühle her, entwickelt aber immer wieder auch neue Designs und ist auch maßgeblich für die Erfindung der Stahlrohrmöbel  im 20. Jahrhundert verantwortlich.

Die Thonet-Stühle finden sich oft als Design- und Stilelement in modernen Wohnungen wieder. Sei es in der klassischen Variante oder auch in individuellen Farben oder im Mix mit anderen Sitzgelegenheiten!









Fotos: thonet.de